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Netzwerk-sensible Seniorenarbeit

 

Gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Forum Seniorenarbeit NRW vom August 2006

 

Begegnungsräume zu schaffen und neue Kontakte zu stiften gehört zu den klassischen Zielen in der Seniorenarbeit. Methoden dazu sind aber immer noch rar. In der Praxis heißt es dazu oft: "Kontakte müssen sich von selbst ergeben".

 

Man darf aber nicht davon ausgehen, dass die bloße gemeinsame Anwesenheit von Menschen in einem Raum bereits Kontakt ermöglicht. Leider werden Voraussetzungen und Maßnahmen zur Ermöglichung von Kontakt in der Praxis oft wenig reflektiert. Kein Wunder: Auch in der Fachliteratur zu Geragogik und Altenarbeit ist zu dieser Fragestellung bislang noch wenig zu finden.

 

 

„Netzwerk-sensible Seniorenarbeit


Der schnelle Wandel in den Formen und Bedingungen „sozialer Integration“ stellt hohe Anforderungen an die Veränderungsfähigkeit der Individuen, aber auch an die soziale Arbeit.

 

Eine moderne, gemeinwesenorientierte Seniorenarbeit sollte bei allen Maßnahmen und Angeboten Möglichkeiten zur Förderung informeller sozialer Netze in Blick behalten.

 

Dabei helfen zum Beispiel folgende Fragen:

  • Wovon hängt es ab, ob im Umfeld der Seniorenarbeit persönliche und freundschaftliche Kontakte entstehen? Welche Bedingungen tragen dazu bei, dass sich individuelle soziale Netze erweitern?
  • Welche Methoden erleichtern es Ehrenamtlichen in Einrichtungen, Teilnehmenden in Kursen oder Gästen in Seniorentreffs, miteinander ins Gespräch zu kommen und einander näher kennenzulernen?
  • Und schließlich: Woran scheitern Kontaktaufnahmen?

 

 

„Kennenlernen“ und „Kontakt“


Ein genaueres Nachdenken über Bedingungen sozialer Kontakte lohnt sich auf jeden Fall. "Ich möchte neue Menschen kennenlernen" ist ein häufig genanntes Motiv, wenn ältere Menschen gefragt werden, warum sie sich an Freizeit- und Bildungsangeboten beteiligen oder sich ehrenamtlich engagieren (Höpflinger 2003).

 

Kontakt beinhaltet dabei nicht notwendig das Eingehen einer persönlichen „Bekanntschaft“ oder „Freundschaft“. Kontakt beinhaltet „Präsenz“ und ist oft nur für den Augenblick. Viele ältere Menschen, die von mir befragt wurden, betonen den Wert einer freundlichen Atmosphäre in Gruppen und Kursen, wo persönliche Erfahrungen und Ideen ausgetauscht oder Sorgen und Nöte angesprochen werden können. Gemeint ist also ein Rahmen, in dem „Kontakt“ stattfinden kann, der spontanen Austausch ermöglicht und in dem Erfahrungen auch dann erzählt werden können, wenn sie nicht unmittelbar mit dem "Thema" zu tun haben.

 

Leider wird gerade das „Erzählen“ als „besonders intime Forum der Selbstmitteilung“ in der sozialen Arbeit und Bildungsarbeit oft als Störung betrachtet (Völzke, 2005). Viele Menschen sind entsprechend ungeübt im „Erzählen“ und  ungeduldiges Zuhören trägt selten zu interessanterem Erzählen bei. Auch dies spricht dafür, den Prozess der gegenseitigen Annäherung bei Veranstaltungen der Seniorenarbeit nicht dem Zufall zu überlassen. Es gilt, den Teilnehmenden einen Rahmen zu eröffnen, der das behutsame Aufeinander-Zugehen unterstützt, eine Vielzahl an Kontaktmöglichkeiten bietet und damit auch Druck nimmt, zu schnell zu viel von sich preiszugeben oder Grenzen zu überschreiten.

 

 

Bedingungen der Kontaktaufnahme


Freundschaftliche und lose Bindungen zeichnen sich – im Unterschied zu engen familiären Bindungen - durch ein hohes Maß an Freiwilligkeit aus (sehr interessant dazu sind die Studien von Sylvia Kade zum Selbstorganisierten Alter). Die Beteiligten haben die Möglichkeit, ihren Kontakt in Qualität und Umfang selbst zu steuern. Das Spektrum reicht vom losen Zusammensein in einer Gruppe bis hin zu gezielten Verabredungen zu selbstorganisierten Aktivitäten (zur hohen Bedeutung informeller Kontakte für psychische und körperliche Gesundheit z.B. Badura, 1981 und Hurrelmann, 2003).  Kontakt in Veranstaltungen und Gruppen kann persönlich und freundschaftlich sein, wenn genügend Raum für Teilhabe oder Selbstorganisation gegeben ist. Dies ist beispielsweise auch dort zu finden, wo alte Menschen  sich 'nur' zum Kaffeetrinken zusammensetzen, ihre Gesprächsthemen selbständig organisieren und darauf achten, dass jede(r) zu Wort kommt (immer noch spannend dazu ist die Mikroanalyse zum Leben in Berliner Seniorenbegegnungsstätten von 1977 bis 1979: Arbeitsgruppe Interprative Sozialforschung, 1983...).

 

Bietet eine Veranstaltung dem Einzelnen Gelegenheit, sich in der Gruppe darzustellen oder von sich zu erzählen, ist ein Kennenlernen in kleinen Schritten möglich. In dieser eher öffentlichen Atmosphäre ist die Wahrscheinlichkeit geringer, vorschnell in ungewollte Verbindlichkeiten zu geraten. Eine „kontaktfreundliche Atmosphäre“ beinhaltet so immer zugleich die Möglichkeit, Abstand leicht wieder herzustellen, ohne andere zu verletzen oder selbst verletzt zu werden

 

In einer Situation, in der ein „lockeres Kennenlernen“ möglich ist – zum Beispiel am Stehtisch – ist auch ein lockerer Rückzug jederzeit möglich. Je mehr Aufwand für eine Kontaktaufnahme betrieben werden muss – zum Beispiel eine Verabredung zum Essen – desto schwerer fällt es, sich Erwartungen des anderen zu widersetzen und unverbindlich zu bleiben. Entsteht ein Gefühl von Unfreiheit, wird Kontakt verhindert.

 

Für sehr einsame Menschen nimmt dies eine besondere Dimension an: Sie messen neuen Kontakten oft besonders hohe Bedeutung bei und fürchten entsprechend mehr, selbst zurückgewiesen zu werden oder andere zu verletzen (Carls, 1994, 1997).

 

 

Einfache Methoden

 

Oft sind es eher einfache Maßnahmen, die persönliches Kennenlernen erleichtern. Sie fallen jedem leicht ein, sobald mitbedacht wird, Kontakt möglich zu machen. Beispiele sind:

  • Räume können bereits vor Beginn einer Veranstaltung geöffnet werden. Sie sind freundlich gestaltet und laden die Teilnehmenden dazu ein, schon früher zu kommen, um mit anderen zu plaudern.
  • Gelegenheiten werden hergestellt, damit Gemeinsamkeiten entdeckt werden und Teilnehmende miteinander ins Gespräch kommen können. Zum Beispiel: Die Teilnehmenden werden mit einer Frage oder einem Impuls in die längere Pause „entlassen“, der zu Pausendiskussionen anregt. Der Pausenraum ist inspirierend dekoriert.
  • Mit wechselnden Kleingruppen wird eine feste Sitzordnung sporadisch durchbrochen.
  • Namensschilder werden ausgeteilt. Die Namen auf den Schildern sind gut zu lesen. Eine Namensliste wird erstellt. Namen erleichtern das Ansprechen während der Veranstaltung und auch die Kontaktaufnahme, wenn es zu einem zufälligen Zusammentreffen bei anderer Gelegenheit kommt.
  • Es werden Begegnungen mit anderen Gruppen organisiert (Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen, Besuche in anderen Einrichtungen...).
  • Sehr wirkungsvoll sind alle Gelegenheiten, die Mitsprache und Mitgestaltung ermöglichen (Sprecherräte, Planungskreise, Gruppendiskussionen usw.).

 

 
Verantwortliche befähigen, Netzwerk-sensibel zu handeln

 

Für die Förderung individueller sozialer Netze in der Seniorenarbeit reicht allein der gute Wille der Verantwortlichen nicht aus. Nicht allen fällt es leicht, Kontakt zwischen anderen Menschen zuzulassen, soziale Netze als besonders starke Form der Selbstorganisation in ihrem Arbeitsfeld zu fördern und die damit verbundene Unkontrollierbarkeit von Prozessen auszuhalten. Netze knüpfen kann nur, wer von der Bedeutung sozialer Netze überzeugt ist und deren Wirkung selbst erfährt.

 

Teams, in denen die Verantwortlichen ihre Arbeit gemeinsam reflektieren und sich gegenseitig den Rücken stärken, sind ein gutes Mittel zu einer persönlichen Vernetzung, die alle stärkt. Und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen von ihren Vorgesetzten freie Gestaltungsräume zugestanden werden, fällt es leichter, anderen Personen Freiräume zu gewähren.

 

Christian Carls

 

Langfassung des Beitrags auf den Webseiten des Forum Seniorenarbeit NRW

 

 

 

 

Literaturhinweise

 

Arbeitsgruppe Interpretative Alternsforschung (1983): Alltag in der Seniorenfreizeitstätte. Soziologische Untersuchungen zur Lebenswelt älterer Menschen. Berlin.

 

Badura, Bernhard (1981): Soziale Unterstützung und chronische Krankheit: Zum Stand sozialepidemiologischer Forschung. Frankfurt

 

Carls, Christian (1994): Altenhilfe als Begegnungsraum: passé? Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 2/94, 73- 79

 

Carls, Christian (1997): Standortfindung offener / diakonischer Altenarbeit im neuen Sozialmarkt. Evangelische Impulse, 1/97, 21-24.

 

Carls, Christian (2005): Internetcafés –Qualitätskriterien und Rahmenbedingungen. In: DWEKD, EAFA u. DEVAP (Hg.): Leitfaden: Qualitätsentwicklung in der Offenen Altenarbeit. Stuttgart/Berlin/Hannover

 

Eichner, Volker, Fischer, Veronika und Nell, Karin (Hrsg.) (2003): Netzwerke – ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements. Schwalbach/Ts.

 

Engelmann, Doris: Netzwerkgrenzen weich gestalten. Online unter www.kaffee-und-pfefferminz.de (Rubrik "Mehr")

 

Forum Seniorenarbeit NRW (Hg.): netzwerk-sensible Seniorenarbeit. Themenschwerpunkt im Juli 2006. www.forum-seniorenarbeit.de

 

Höpflinger, François (2003): Soziale Beziehungen im Alter. Online unter http://mypage.bluewin.ch/hoepf/fhtop/fhalter1H.htm

 

Hurrelmann, Klaus (2003): Gesundheitssoziologie. Weinheim

 

Kade, Sylvia (2001): Selbstorganisiertes Alter. Lernen in reflexiven Milieus. Bonn.

 

Völzke, Reinhard: Erzählen – Brückenschlag zwischen Leben und Lernen. SOZIALEXTRA, November 2005. Online verfügbar: www.sozialextra.de/2005-11.htm

 

 

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